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|  Schwierige Bewerbungssituationen  |

1.  Problembewerber
In einem führenden Ratgeber las ich diese gleichermaßen schockierende und zudem
total in die irreführende Definition für Bewerber, die nicht auf einen geradlinigen
Lebenslauf zurückblicken können. Natürlich versehen mit Darstellungsvorschlägen.
Es gibt Menschen, die haben einfach das Glück, dass alles was sie anpacken gelingt.
Andere starten in schwierigen Zeiten und akzeptieren notgedrungen manches,
was sie bei einer wirklichen Auswahl an Möglichkeiten nicht akzeptiert hätten.
Manche können abwarten, weil sie vom Elternhaus her über einen Background
verfügen, der ihnen dieses problemlos ermöglicht. Andere müssen Geld verdienen.
Beim falschen Standort haben Ladengeschäfte ebenso keine Chancen wie Pflanzen.
Das Elternhaus entspricht einem Standort. Die meisten Interviewer stammen
aus einem gebildeten, bürgerlichen Elternhaus - und vergessen deshalb manchmal,
wie schwer es diejenigen haben, die nicht über diese Voraussetzungen verfügen.
2.  Häufige Stellenwechsel
Als sich meine Generation nach dem Studium bewarb, hatte sie freie Auswahl
unter vielen Stellenangeboten, wenn das Studium einigermaßen erfolgreich war.
In den vergangenen Jahren jedoch hatten viele Stellenbewerber keine Chance,
einen einigermaßen angemessenen Arbeitsplatz zu finden. Sie mussten „jobben“.
Viele quälten sich über einige Praktikantenstellen dahin, wo sie bereits hätten
starten sollten. Das sind keine „Jobhopper“, sondern Menschen, die sich durchgebissen
haben. Sie haben mehr „Standing“ bewiesen als viele geradlinige Bewerber.
Natürlich gibt es auch den Jobhopper aus Passion, der sich nirgends bewähren oder
durchbeissen konnte. Ich bin aber davon überzeugt, dass hieran zum großen Teil
die Bedingungen beim Arbeitgeber schuld sind. Wir wählen immer ab, nicht neu.
Und abgewählt wird, wenn die vorhandenen Bedingungen den Bedürfnissen des
Betroffenen nicht gerecht werden. Also sollte doch deren zukünftige Taktik nicht
auf Betroffenheit und Schuldgefühlen aufgebaut sein, sondern auf Selbstbewusstsein.
Wenn Sie einen „krummen“ Lebenslauf aufweisen, sollten Sie zunächst sorgfältig
analysieren wie es dazu kommen konnte. Und zwar bei jeder einzelnen Station.
Was hätte gegeben sein müssen, dass es nicht zu einem Wechsel gekommen wäre?
Wurde das spätere Scheitern schon durch die notgedrungene Jobannahme ausgelöst?
3.  Freigestellte Führungskräfte
Führungskräfte werden überwiegend aufgrund betrieblicher Notwendigkeiten freigestellt.
Nicht die Führungskraft verlor ihre fachliche Eignung für die bisher eingenommene Stelle,
sondern die Stellenanforderungen änderten sich. Hier kann sowohl eine Erweiterung als
auch eine Verkleinerung oder gar eine neue Technologie den Ausschlag gegeben haben.
Eine fähige Führungskraft muß doch sofort wieder eine adäquate neue Anstellung finden,
ist die allgemeine Überzeugung. Aber so einfach ist es nicht, denn auch Führungspositionen
beinhalten ja einen hohen Anteil an Spezialistentum hinsichtlich der Branche
oder auch der bisherigen Firmenkultur und den besonderen Anforderungen hieraus.
Führungskräfte können sich meistens etwas mehr Zeit lassen, da sie häufiger eine
höhere Abfindung erhalten oder sich über die Jahre hinweg etwas ansparen konnten.
Mein Rat an freigestellte Führungskräfte lautet: „Nicht ohne meinen Personalberater!“
Natürlich ist manchmal auch ein Rechtsanwalt nützlich. Nur ein Personalberater
verhilft Ihnen zu einem „passenden“ Jobangebot. Der Anwalt regelt das Finanzielle.
Sie benötigen einen qualifizierten Ratgeber, der Sie bei der Weichenstellung berät.
Man sollte im Leben nicht mehrfach in die Situation kommen „freigestellt“ zu werden.
4.  Freigestellte Spezialisten
Spezialisten werden nur selten freigestellt, ihr Spezialwissen schützt sie meistens.
Wird ein Spezialist trotzdem entlassen, sollte er sich vorrangig dort bewerben,
wo sein Spezialwissen benötigt wird. Das erfordert häufig auch einen Umzug.
Spezialisten, die den Umzug scheuen, sind oft gezwungen, ihr Fachgebiet zu verlassen.
Der Wert eines Spezialisten liegt aber in den langjährig erworbenen Fachkenntnissen.
Aber nicht nur der finanzielle Wert bemisst sich danach, meist hängt auch die Seele
an dem Fachgebiet wo man sich über die Jahre hinweg zu einer Koryphäe entwickelte.
Es mag für einen Spezialisten sehr hart klingen, aber der Umzug ist, selbst unter
Protesten der Familie, für ihn meistens der einzig vernünftige weitere Lebensweg.
Die Alternative hierzu ist, dass der Spezialist in seiner Region auf die Chance wartet,
die sich eventuell zu einem späteren Zeitpunkt für ihn ergibt. Problematisch ist
hierbei, dass sich sein Wert mit dem Schwinden seines Fachwissens reduziert.
Ein Teil des Fachwissens kann über die Fachliteratur aktuell gehalten werden,
aber die praktische Erfahrung wird ihm auf jeden Fall sukzessive abhanden kommen.
5.  Bewerbung nach Mutterschaftszeiten
Ich manage ein kleines, feines Familienunternehmen. So, oder zumindest so ähnlich
habe ich eine Werbung im Fernsehen in Erinnerung, in der eine Hausfrau spricht.
Es gibt wenige Berufe, in welchen Frauen derartig komplex organisieren und ebenso
wirtschaften müssen, wie eine Hausfrau. Bewunderswert, wie manche Frau das alles
unter einen „Hut“ bekommt und sich dann auch noch als „nur Hausfrau“ titulieren
lassen muss - und das vorwiegend von Menschen, die Routineaufgaben erledigen.
Mein Rat an Hausfrauen, die in den Beruf zurückkehren möchten, lautet deshalb:
„Seien Sie stolz auf das, was Sie geleistet haben!“ Dieser Stolz gibt Ihnen das
Selbstbewußtsein, das für einen neuen Berufseinstieg absolut notwendig ist.
Natürlich sollten Sie dem aktuellen Stand Ihres Fachbereiches weitgehend genügen.
Das Studium von Fachliteratur sollte also auch bei Auszeiten für Sie ein Muß sein.
Auch die Bundesanstalt für Arbeit fördert notwendige Wiedereingliederungskurse.
Was sehr viele Hausfrauen vernachlässigen, ist der enge Kontakt zum Arbeitgeber.
Wer Kontakt gehalten hat, sich mit Fachliteratur und Fachzeitschriften fit hielt,
wird auch den Weg zurück zu seinem Arbeitgeber problemlos wieder finden.
6.  Zeitarbeit
Für manche zur Überbrückung bis zu einer „normalen“ Anstellung lebensnotwendig.
Allerdings sollten Sie schauen, dass Sie so früh wie irgendmöglich da rauskommen.
Für Ältere vielleicht die letzte Möglichkeit. Für Jüngere höchstens ein kurzer Übergang.
7.  They never come back
Wer sich selbstständig machte und scheiterte, ist in Deutschland megaout.
Dabei sind das doch gerade diejenigen, die Mut, Tatkraft und Fleiß beweisen.
In vielen Ländern ein Beurteilungskriterium, das höchsten Wert besitzt.
In Deutschland ein KO-Kriterium sondergleichen. Unverständlich und falsch.
Wer sich selbstständig machte und scheiterte, oder sein Scheitern kommen sieht,
sollte sich deshalb besonders überlegen was er kann, was er geleistet hat
und natürlich auch logisch begründen können, warum das nicht geklappt hat.
Henry Maske kam erfolgreich für kurze Zeit in den Ring zurück. Er wollte das,
um zu beweisen, dass er dazu in der Lage ist. Auch Sie können das beweisen.
8.  Langzeitarbeitslose
Vielleicht die problematischste Personengruppe, da mit jedem Tag das Selbstvertrauen
in das eigene Können mehr schwindet. Und auch das Können sich reduziert.
Viele Menschen wurden arbeitslos ohne jegliche eigene Schuld. Shareholder Value.
Der Mensch, ein Produktionsmittel. Wird das nicht mehr benötigt, wird es entsorgt.
Arbeitslose dürfen niemals in Lethargie verfallen. Bilden Sie sich weiter. Nerven Sie
das Arbeitsamt. Nehmen Sie notfalls auch eine Stelle unter Ihrem bisherigen Niveau an.
Bewerben Sie sich bei Zeitarbeitsunternehmen. Machen Sie sich selbstständig.
Nur eines dürfen Sie niemals: Vor dem Fernseher sitzen und Ihren Lebensmut mit
jeder Stunde des Nichttuns immer mehr verlieren. Aktivität beweisen Sie durch
Aktivität. Einer von Heinz Nixdorfs Lieblingssprüchen war: „Steh nicht rum, tu was!“
Das ist auch der Rat an Langzeitarbeitslose. Der Wert für neue Arbeitgeber bemisst
sich danach, ob der Arbeitslose aktiv war oder lediglich in tiefe Lethargie verfallen ist.
9.  Einige allgemeingültige Ratschläge
Sie kennen keine beschäftigungslosen Zeiten. Sie waren jederzeit aktiv, indem
Sie sich fortbildeten, das kann auch über Fachliteratur oder Fachzeitungen erfolgen.
Sie sind notfalls bereit, auch eine Stufe unter Ihrem bisherigen Level zu arbeiten.
Sie wissen, auf was es in Ihrem Fachgebiet aktuell ankommt. Sie hielten Kontakt.
Sie haben sich Gedanken darüber gemacht, wie Sie sich schnell einarbeiten können.
Sie haben sich ernsthafte berufliche Lebensziele ebenso wie private Ziele gesetzt.
Sie sind aus sich heraus ehrgeizig und sehen das nicht nur als Lippenbekenntnis.
Sie sind flexibel in Ihrer Gehaltsvorstellung. Notfalls gehen Sie auch etwas zurück.
Sie sind bereit, vollen Einsatz zu bringen. Auch in der Ableistung von Mehrarbeit.
Sie schieben nicht Ihr Alter oder Krankheiten als Entschuldigungsgründe vor.
Sie reden nicht darüber, was Sie können, wenn das für die Stelle nicht relevant ist.
Sie haben sich argumentativ auf kritische Fragen der Interviewer vorbereitet.
Sie jammern und Sie rechtfertigen sich nicht für alles und jedes, was Ihnen widerfuhr.
Sie machen Ihre früheren Arbeitgeber nicht nieder, auch wenn diese es verdient hätten.
Sie suchen auch den Anteil Ihrer Schuld und legen diesen positiv argumentierend offen.
Sie können überzeugend darlegen, dass Sie keinen Job, sondern eine Aufgabe suchen.
Sie haben überlegt, wo und wie Sie Ihr Können auch bei einer Umorientierung nützen.

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