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|  Bewerben in der Schweiz  |

1.  Kleines ganz groß
Viele Deutsche würden ja gerne in der Schweiz arbeiten. Da lebt es sich schöner.
Weniger rigorose Steuergesetze, darum transportieren auch viele dorthin ihr Geld.
Nur knapp 8 Millionen Einwohner; davon arbeiten 3/4 im Dienstleistungssektor.
Banken und Urlauber. Deutsche dürften dank des Herrn Steinmeier noch weniger
„beliebt“ sein als seither schon. Nur wenige Konzerne und Großunternehmen.
Und wenn, dann oft in Form einer Holding. Kapital fühlt sich in der Schweiz wohl.
Hohe Lebensqualität, die ihren Preis hat, dafür auch höhere Einkommen und was
für viele Mitarbeiter noch wesentlich wichtiger ist, bedeutend weniger Sozialabgaben.
26 Kantone, vier Amtssprachen, kein Mitglied der Europäischen Union. Mitglied
beim Schengener Abkommen, der EFTA, der UNO und der Welthandelsorganisation.
2.  Aufenthaltsbewilligung und -genehmigung
In Zeiten, in denen die Schweiz ausländische Arbeitskräfte benötigt, kein Problem.
Von Zeit zu Zeit entwickeln die Schweizer Ängste vor Überfremdung - hierbei
spielen auch zunehmend viele deutsche „Gastarbeiter“ eine herausragende Rolle.
Arbeitgeber kümmern sich jedoch sehr fürsorglich, damit alles papiermäßig klappt.
3.  Bewerbungsunterlagen
Die Form unterscheidet sich nur geringfügig von deutschen Gepflogenheiten.
Anschreiben, Lebenslauf, Lichtbild, Zeugnisse. Eher wichtig, in welcher Sprachregion
sich jemand bewirbt. Also gegebenfalls deutsch, französisch oder italienisch schreiben.
Was gewünscht wird, ergibt sich jedoch überwiegend aus der Stellenausschreibung.
70% sprechen Schweizerdeutsch. Etwa 20% französisch. Italienisch etwa 7%.
4.  Das Anschreiben
Nicht länger als eine Seite. Übersichtliche Absätze. In der Regel drei bis vier.
Verständliche Sätze. Keine Schachtelsätze. Wichtig auch hier, dass ein Ansprechpartner
konkret angeschrieben wird. Also möglichst nicht an die „Sehr geehrten Damen und ...“.
Das Anschreiben wie gewohnt mit Datum und Betreff versehen und mit Unterschrift.
Inhaltlich sollten Sie wie aus dem Anschreiben in Deutschland gewohnt verfahren.
Also, Qualifikationsabgleich zu den Anforderungen in der Stellenausschreibung.
5.  Der Lebenslauf
Wie auch in Deutschland üblich, in übersichtlicher, tabellarischer Form verfassen.
Der Aufbau kann sowohl chronologisch, aber auch anti-chronlogisch erfolgen.
Lücken in Ihrem Lebenslauf interessieren ja nicht nur die Schweizer besonders,
auch in Deutschland sollten die immer erläutert werden. Auch im Lebenslauf
sollten Antworten zu den Anforderungen der Stellenausschreibung gegeben werden.
Wenig nützliche Zusatzqualifikationen müssen nicht angesprochen werden, das ist
ja auch eine Frage der Übersichtlichkeit und des hierfür notwendigen Platzes.
Mehr als zwei Seiten sollte Ihr Lebenslauf nicht umfassen. Ansonsten wie gewohnt:
- Persönliche Daten
- Ausbildung / Studium
- Berufserfahrung
- Besondere Kenntnisse (IT / Sprachen)
- Hobbys
Das schweizer Notensystem benotet „umgekehrt“. Bitte bei Notenangaben beachten.
6.  Das Lichtbild
Hier legt der Schweizer Wert auf Aktualität, die sich durch das Erstellungsdatum
dokumentieren darf. Wer das Bewerbungsfoto einklebt muss es nicht mit seinem
Namen versehen. Ich empfehle ja grundsätzlich mit Klebestreifen - ohne Namen.
7.  Weder Datum noch Unterschrift
Keine Unterschrift, das unterscheidet sich doch deutlich von Deutschland.
Offensichtlich sehen die Schweizer das nicht so rechtsverbindlich wie wir.
8.  Graphologische Gutachten
Sind in der Schweiz weiter verbreitet. Also darauf achten, ob eine Handschriftenprobe
verlangt wird. Gegebenenfalls wird eine solche auch ausdrücklich nachgefordert.
9.  Referenzen
Auch diese haben in der Schweiz eine weit größere Bedeutung als in Deutschland.
Wichtig ist hier die Angabe der Kommunikationsdaten der möglichen Referenzgeber.
10.  Zertifikate über Zusatzqualifikationen
Sollten Sie nur dann beilegen, wenn diese für die ausgeschriebene Stelle relevant sind.
Ansonsten, wie auch in Deutschland, lieber ein Blatt mit Weiterbildungsmaßnahmen.
11.  Vorstellungsgespräche
In strukturierten Auswahlgesprächen wird die Eignung abgeglichen. Die erste
Instanz ist auch hier wie in Deutschland die Personalabteilung. Die zweite Instanz
dann die Fachabteilung. Im Vorstellungsgespräch interessiert auch, ob sich der
Bewerber mit dem Unternehmen vorab auseinandergesetzt hat. Die Standardfrage
ist auch hier: „Warum haben Sie sich auf die ausgeschriebene Stelle beworben?“.
Ehrlichkeit ist gefragt. Authentizität. Und eine realistische Einschätzung dessen,
was der Bewerber im Vergleich zur Stellenanforderung tatsächlich schon mitbringt.
12.  Probezeit
Die Probezeit beträgt in der Regel nach schweizer Recht einen Monat.
Eine Verlängerung auf drei Monate kann aber vertraglich vereinbart werden.
13.  Arbeitszeit
Ist mit 40 Wochenstunden meist länger als in deutschen Tarifverträgen.
Für Kader, die Bezeichnung für Führungskräfte in der Schweiz, gelten dieselben
Regeln wie für Führungskräfte in Deutschland. Mehrarbeit ist also eher normal.
14.  Bekannt seit Wilhelm Tell
Die Schweizer sind freiheitsliebend. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist deshalb
Wilhelm Tell ein Nationalheld. Als schweizerischem Freiheitskämpfer und Tyrannenmörder
hat ihm besonders Friedrich Schiller ein bleibendes Denkmal gesetzt.
Die Schweiz hat mit dem Schweizer Offiziersmesser ebenso Weltruhm erlangt.
Keiner braucht es wirklich. Aber es ist sowohl ein willkommenes Souvenier als
auch ein Statussymbol ganz besonderer Art. Jeder männliche Schweizer ist ein
Allzeitsoldat - das dokumentiert sich in Wehrübungen und Waffenbesitz.
Erstaunlicherweise werden Offiziersränge in der Selektion nicht hoch gewertet.
Vielleicht bewerten die Schweizer das eher so, wie wir die Feuerwehr einschätzen.
15.  Persönlichkeitsmerkmale und Wesensart
Ein klein wenig hat sich das ja schon aus der Wertschätzung der Graphologie ergeben.
Die Schweizer legen viel Wert auf die Persönlichkeit und die Wesensart des Bewerbers.
16.  Insiderwissen über das Unternehmen
Immer wieder lese ich, dass Insiderwissen das non plus ultra einer Bewerbung sei.
Selbst derjenige, der sich auf der Ebene Geschäftsführung oder Vorstand bewirbt,
kommt eher selten an „Insiderwissen“. Allerdings sollte jeder zugängliche Quellen
studieren. Also Internet, frei erhältliche Broschüren, vielleicht sogar Geschäftsberichte.
17.  Noch ein paar abschließende Bemerkungen
Wer eine Bewerbungsunterlage erhält, möchte mit einem Blick erkennen,
ob sich der Bewerber Mühe gab, ob er eine erhebliche Sorgfalt aufwandte.
Da die Bewerbungsratgeber ja alle seit Jahrhunderten von einander abschreiben,
ist ihnen noch nicht aufgefallen, dass es heute erstklassige Digitalkameras und
zudem Bildbearbeitungsprogramme gibt. Ich kenne keinen Personalmanager,
und ich kenne viele aus unterschiedlichsten Branchen, der unterhalb der
Geschäftsleitungsebene, nur mit einem Fotografenlichtbild zufrieden ist.
Ein Foto soll aussagefähig und angemessen sein. Es soll einen sympathischen
Eindruck vermitteln und vor allem aussagen, ob der Bewerber zum Job passt.
Die Unterlagen sollen sauber sein. Das gilt für die gesamte Präsentation.
Eine superteure Bewerbungsmappe spricht dafür, dass der Bewerber zu
viel Geld hat. Ich kenne niemanden, der hierauf wirklich Wert legt.
Wer Bewerbungen selektiert fordert und erwartet somit eines, er möchte
blitzschnell erkennen, wes Geisteskind er vor sich hat. Was der Bewerber
im Vergleich zur angeforderten Qualifikation auch tatsächlich mitbringt.
Nehmen Sie ihm die Arbeit ab, indem Sie das „aufzeigen“, was er wissen will.
Natürlich wird es noch den einen oder anderen Personalchef geben,
der Bewerbungsratgeber ernst nimmt. Solche prüfen dann auf Kommafehler
und ähnlich Bedeutsames mehr. Frage: Möchten Sie in einem solche Unternehmen
wirklich arbeiten? Falls ja, sollten Sie manches, was ich Ihnen aus der Praxis berichte
nicht ganz so ernst nehmen, wie das, was in Standardbewerbungsratgebern steht.

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